Die Realität und ihre Wirklichkeiten
Die Realität und ihre Wirklichkeiten

Die Realität und ihre Wirklichkeiten

Lesedauer 4 Minuten

Ich frage mich oft, warum ich seit ich in Ecuador aufgehört habe meinen Blog zu befüllen nicht mehr wirklich schreibe. Irgendwie gibt es in mir eine innere Hemmung dagegen und ich glaube ich habe jetzt auch herausgefunden wieso.

Heute habe ich mir gedacht, dass ich das gerne niederschreiben möchte.

Je mehr Jahre ich damit verbringe bewusst meinen Lebensweg zu wählen, desto mehr fällt mir eines auf: Jede Person, der ich begegne, hat ihre ganz eigene Wirklichkeit.

Manchmal sind diese Wirklichkeiten sehr ähnlich und unterscheiden sich nur in ein paar Dingen. Manchmal sind sie auch so unterschiedlich wie Sonne und Mond es nur sein könnten. Jede:r hat seine eigene Welt, in der er:sie lebt und sich bewegt. Jeder Tagesablauf ist einzigartig und jede Person verbringt ihre Zeit mit unterschiedlichen Dingen.

Natürlich kennt jede:r nur seine:ihre eigene Wirklichkeit. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir fast schon vergessen, dass die Wirklichkeiten von anderen Personen vielleicht anders aussehen als unsere eigene.

Und es ist leicht zu sagen „deine Wirklichkeit stimmt nicht“, denn das ist auf jeden Fall wahr. Keine Wirklichkeit „stimmt“. Sie sind alle gleich wahr und gleich unwahr.

Sie alle teilen sich zwar die gleiche Realität als Basis, in der sie sich treffen und berühren, aber keine Wirklichkeit wird jemals die Realität erfassen oder beschreiben können. So ist das einfach, denke ich.

Auf der Welt gibt es so unendlich viele Wirklichkeiten und sie alle treffen sich in nur einer einzigen Realität.

Das fasziniert mich, um ehrlich zu sein. Es fasziniert mich deswegen, weil ich der Meinung bin, dass man seine Wirklichkeit selbst gestalten kann. Oft mehr, als man denkt.

Auf die Realität habe ich nur wenig Einfluss. Die ist einfach und ich bin mit ihr. Aber auf meine Wirklichkeit habe ich jeden Einfluss der Welt. Die Fragen „Wie will ich meine Zeit verbringen?“, „Wie möchte ich Beziehungen leben?“, „Welche Gefühle möchte ich spüren?“, „Wie sieht mein Austausch mit dem Universum aus?“ begleiten mich jeden Tag und sind unerlässlich für die Gestaltung meiner Wirklichkeit.

Und jetzt muss ich ganz ehrlich sein. Ich habe auf diese Fragen großteils noch keine Antwort. Ich habe Ideen und Gedanken; Vermutungen und Dinge, die ich ganz sicher ausschließen kann, aber ich habe noch keine Antwort. Vielleicht werde ich die auch nie haben. Wer weiß das schon.

Aber ich bin auf der Suche. Ich bin auf der Suche nach meinen Antworten auf diese Fragen. Für mich beginnt diese Suche dabei die Wirklichkeiten von anderen Menschen kennenzulernen. Wenn sie mich lassen, dann trete ich gerne ein in ihre Welt und sehe mir an, was es da so fantastisches zu sehen gibt. Es inspiriert mich zuzuhören, Geschichten zu lauschen und Menschen dabei zu spüren wie sie leben. Es interessiert mich eigentlich sehr wenig, was für fantastische Dinge sie so machen in ihrem Leben, sondern vielmehr wie ihr Alltag aussieht. Womit verbringen sie ihre Zeit wirklich? Was beschäftigt sie? Und wirken sie glücklich dabei?

Deswegen findet man mich auch so wenig auf Social Media im Moment. Das Werkzeug ist leider absolut nutzlos, wenn man die Wirklichkeiten von anderen Menschen kennenlernen möchte.

Die Wirklichkeit besteht aus dem Aufstehen in der Früh, dem Morgensport und dem Frühstück. Aus dem Zähneputzen und dem zur Arbeit fahren. Sie besteht aus den Begegnungen dort und der Mittagspause. Auch besteht sie aus den Gedanken, die einen dabei beschäftigen und sie besteht daraus, mit wem und wie sie geteilt werden können. Sie besteht aus den ruhigen Momenten am Nachmittag und aus dem Kaffee, den man am Tisch alleine oder mit Freund:innen trinkt. Sie besteht aus dem früh schlafen gehen, weil morgen wieder die Arbeit ansteht und aus dem genervt in der U-Bahn stehen, wenn es dann soweit ist.

Das ist die Wirklichkeit für mich, denn sie zeichnet ein Leben wirklich. Die tollen Fotos am Strand oder der perfekte Schnappschuss mit Freund:innen auf einem Konzert sind auch Teil davon, aber was für einer ist die Frage.

Und so bin ich tatsächlich die letzten zweieinhalb Jahre auf der Reise von Wirklichkeit zu Wirklichkeit. Ich gebe mir Mühe zuzuhören und zu verstehen. Die Menschen zu sehen, denen ich begegne. Es interessiert mich wer sie sind und wie sie da angekommen sind wo sie heute sind, denn so hoffe ich irgendwann auch meine eigene Wirklichkeit gestalten zu können.

Und dann komme ich immer wieder zu mir zurück. Denn ich will ja auch herausfinden, wie meine Wirklichkeit aussehen kann und soll. Ich habe in den letzten Jahren in so vielen verschiedenen Wirklichkeiten gelebt, dass ich sie vermutlich garnicht alle beschreiben könnte. Ich habe so viel ausprobieren können und habe das Gefühl, dass ich immer besser weiß, wie meine Wirklichkeit einmal aussehen soll.

Aber die Sache ist. Das ist eine Reise, die ich mit mir alleine mache. Jede und jeder muss seine:ihre Wirklichkeit selbst finden, denn am Ende ist er oder sie die einzige, die darin leben wird.

Darum tu ich mir auch so schwer Artikel zu schreiben. Natürlich könnte ich von den Reisen und Abenteuern erzählen, die mir Wiederfahren sind. Dem Semester in Valencia, das ich fast ausschließlich in einem ausgetrockneten Flussbettpark verbracht habe, mit Menschen die anscheinend die Zeit anhalten können; von der Reise durch Deutschland, in der ich zum ersten mal richtig gemerkt habe wie doof es sein kann, wenn man alleine ist; von dem verrückten Sommer und seinen Festivals und den unglaublichen Freundschaften, die mich dabei begleitet haben; von der Zeit danach, in der ich einfach nur Ruhe gebraucht habe, denn sonst wäre mein Kopf explodiert; von dem weiteren Ausbau von Fridolin und wie er dann leider ein größeres Wewehchen hatte; von der Flucht aus Wien im Februar mit einem der unglaublichsten Menschen, der mir je begegnet ist.

Davon könnte ich alles schreiben. Aber ich möchte keine pseudophilosophische Sammlung an Highlights betreiben. Zumindest nicht im Moment.

Im Moment bin ich auf der Suche nach meiner Wirklichkeit. Und die besteht aus zuhören, ausprobieren und spüren.

Meine Wirklichkeit ist ein Schatz. Sie soll nicht fantastisch oder atemberaubend sein; auch nicht besser als irgendeine andere Wirklichkeit. Nein, sie soll einfach nur meine Wirklichkeit sein. Meine Wirklichkeit, mit der ich meinen ganz persönlichen Frieden habe. Das ist mein Ziel.

Aber wer weiß. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich das Gefühl habe wieder etwas erzählen zu wollen und dann werde ich das auch machen.

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