Unter den Wolken…

Seit einem Monat „y pico“ (und ein bisschen) sind wir jetzt bereits in Ecuador. Als ich das letzte Mal hier war, habe ich zu der Zeit jeden Tag einen Blogeintrag geschrieben. Heute ist das ein bisschen anders. Ich freue mich, dass ich nach einem Monat die Zeit finde, mich hinzusetzen und etwas festzuhalten.

Es ist spannend, die Umgebung und mich in ihr zu beobachten. Mindo hat sich viel verändert, viel ist aber auch gleich geblieben. Es wird an allen Ecken und Enden gebaut. Hauptsächlich mit Beton und hauptsächlich immer luxuriösere Hotels für Tourist:innen mit immer höheren Ansprüchen.

Mindo ist in seinem Boom, ganz eindeutig. Der hat sich zwar schon sehr lange angebahnt und es überrascht mich ehrlicherweise sehr wenig, aber trotzdem fühlt es sich befremdlich an, ihn jetzt so zu spüren.

Auf der anderen Seite ist viel gleich geblieben. Viele, die meisten, der Kontakte und Freundschaften, die ich vor vier Jahren gepflegt habe, sind immer noch da: Edwin, Talisman, Pao, Jonas, Phil und Co. Aber auch nicht alle. Die Herzlichkeit der Menschen hat sich nicht verändert (das war eine kleine Sorge von mir). Ich fühle mich genauso willkommen im Dorf wie noch vor vier Jahren. Es ist dieser ganz besondere Schimmer, der oft über den Leuten liegt, der mich so fasziniert. Es gibt hier immer noch so viele ambitionierte Projekte und Unternehmer:innen, und ich habe das Gefühl, ihnen geht nie die Luft aus. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich mir das in meiner Erinnerung nur eingebildet habe, aber jetzt spüre ich das Gefühl wieder.

Es ist spannend, denn dieselbe Wahrnehmung, die ich nach außen auf Mindo habe, habe ich auch nach innen zu mir selbst. Ich habe das Gefühl, es hat sich gleichzeitig viel und überhaupt nichts verändert.

Das letzte Mal war ich an meinen Freiwilligeneinsatz gebunden, eine fixe Arbeit und ein Kompromiss. Auch ein fixer Zeitrahmen. Jetzt haben wir keine Deadlines und keine Verpflichtungen. Das letzte Mal war ich ohne Partnerin in Mindo, jetzt sind wir zu zweit und genießen all die schönen Dinge, die zu zweit ganz anders sind als alleine.

Aber ich fühle mich auch irgendwie gleich. Es gibt immer noch unendlich viele Projekte und wichtige Dinge zu tun. Ich habe ungefähr eine halbe Stunde gebraucht, um uns fünf verschiedene Projekte aufzuhalsen, und jetzt – wer hätte es gedacht – kommt es mir vor, als wäre für die ganzen Sachen wieder einmal zu wenig Zeit.

Ich arbeite auch mittlerweile remote. Ein sehr spannendes Experiment, um ehrlich zu sein. Ich stehe jeden Tag um 06:00 auf und fange um 06:15 an zu arbeiten. Da ist es in Österreich erst 12:15 und meine Kund:innen und Kolleg:innen sind noch gut erreichbar. Dann habe ich spätestens gegen 12:00 meine Ruhe, denn nach 18:00 will bei uns eigentlich keiner mehr arbeiten.

Das funktioniert erstaunlich gut, um ehrlich zu sein. Ich verdiene nicht die Welt, aber es reicht, damit unsere Rechnung aufgeht. Ein bisschen anstrengend ist es allerdings schon. Schließlich beginnt, wenn ich um etwa 11:00 mit der Arbeit für Österreich fertig bin, die Arbeit in Ecuador für die Projekte. Dadurch bin ich am Abend oft sehr müde.

Mein wichtigstes Ziel allerdings – „herausfinden, ob ich mit vergleichbarem Output und Zufriedenheit meiner Kund:innen auch auf Reisen weiterarbeiten kann“ – hat sich bestätigt: Es geht!

Wobei man dazusagen muss, dass wir im Moment relativ statisch an einem Ort sind. Sprich: Wie das genau sein wird, wenn wir mehr unterwegs sind, kann ich noch nicht ganz sagen. Aber ich bin zuversichtlich. Internet ist tatsächlich die größte Herausforderung, wenn man unterwegs sein möchte. Das war aber auch ein erwartbares Problem.

In puncto Abenteuer lassen wir aber auch nichts aus. Von nächtlichen Rettungsaktionen nach Pedro Vicente, weil Edwins Motorrad eingegangen ist, über Ausflüge nach Mashpi, Feststecken auf 4100 Metern in der Seilbahnstation in einem Hagelgewitter, Offroad-Touren in einem 50 Jahre alten Nissan Patrol, Samentausch-Festivals bis hin zu nächtlichen LAN-Partys ist wirklich alles dabei. Es passieren so viele Dinge, dass ich oft gar nicht hinterherkomme. Ich denke, die Fotos sprechen hier aber Bände.

Auch zu zweit unterwegs zu sein bringt ganz neue Seiten des Reisens hervor. Es ist wunderschön, diese ganzen unglaublichen Erlebnisse gemeinsam zu erfahren. Ich habe das Gefühl, mit jeder Herausforderung wächst die Verbindung, und Annika und ich lernen uns immer besser kennen. Angenehm ist das nicht immer, aber solange wir es gemeinsam machen, wird es bestimmt gut. Es ist vor allem spannend zu beobachten, wie wir zwar auf der gleichen Reise sind, aber uns oft mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen beschäftigen. So ähnlich wir uns sind, so unterschiedlich können wir auch sein. Am Ende weiß ich aber, dass von dieser Reise nicht nur die schönen Erinnerungen bleiben werden, sondern auch die Beziehung, die sich währenddessen entwickelt hat – und dafür bin ich unglaublich dankbar.

Es ist schon spannend. Ich habe das Gefühl, wenn ich mir die Fragen stelle und es auch wirklich ernst meine, dann finde ich auch wirklich Antworten. Fragen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben, waren zum Beispiel:

– Kann ich in einem Van leben, und ist das überhaupt ein schönes Leben?

– Wie kann ich meine Einnahmen und Ausgaben so gestalten, dass es sich am Ende des Monats gut ausgeht und ich niemandem zur Last falle?

– Wie und welche Beziehungen möchte ich eigentlich führen und welchen Platz sollen sie in meinem Leben bekommen?

– Wie weit kann ich im Leben meine eigenen Spielregeln erfinden?

– Welche verschiedenen Wirklichkeiten gibt es eigentlich da draußen und wie möchte ich meine gestalten?

– Was bedeutet es für mich, ein gutes Leben zu haben?

– Wie fühlt es sich an, nicht mehr in konstanten Etappen, sondern „ohne Enddatum“ zu leben?

– Wie möchte ich an dieser Welt teilhaben und was wünsche ich mir von ihr?

Jede dieser Fragen hätte einen eigenen Eintrag verdient. Das geht sich heute nicht mehr aus. Aber ich bin sehr glücklich, denn ich habe das Gefühl, je ernsthafter ich mir diese Fragen stelle, desto eher finde ich auch Antworten.

Antworten, die einen Teil des Rezeptes ausmachen, denn ich lerne auch: Diese Fragen sind nicht alles.

Manchmal ist es okay, nicht konstant zu zweifeln und zu verbessern.

Manchmal ist es gut, einfach ehrlich zu lieben und zu genießen.

Manchmal ist es wichtig, den Frieden zu suchen und nicht den Fortschritt.

Einatmen und ausatmen und dann wiederholen.

Das fällt mir im Moment noch am schwersten: einfach mal zu entspannen und im Moment anzukommen.

Mit den ganzen Fragen im Kopf bin ich oft sehr beschäftigt.

„Es einfach mal gut sein zu lassen“ ist eine Fähigkeit, die ich gerne noch üben möchte.

Wie ich gerade diese Worte schreibe, fällt mir wieder der Fluss und mein eigenes inneres Bild dazu ein. Der Fluss hat nichts anderes zu tun, als zu fließen. Und ich glaube, er liebt es zu fließen, denn dafür ist er gemacht. Er macht es einfach, und niemand würde auf die Idee kommen, den Fluss zu fragen, warum er keine Steuererklärung für 2023 abgegeben hat. Niemand würde sich fragen: „Ist das schon alles, was der kann?“, denn ein Fluss ist einfach nur ein Fluss und er ist da, um ein Fluss zu sein.

Anders als der Fluss muss ich schon meine Steuererklärung abgeben. Aber ich bin auch nur der Felix und ich bin hier, um Felix zu sein.

Felix in dem Umfeld, das ihn eben umgibt, in dem er tut, wie er eben tut, und liebt, was er eben liebt.

Einfach nur Felix sein. Denn im Kern unterscheidet mich eigentlich wenig von dem Fluss. Wer anderer Meinung ist, der soll mir das erst mal beweisen.

Aber naja, es wäre ja auch langweilig, wenn man mit 25 schon alles könnte.

Ich übe also weiter, Felix zu sein.

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